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Lautlos fällt eine Blüte
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3-934872-47-6
Nasenka gibt es nicht.
An stürmischen Tagen sollten Sie nicht zu nah an die Brüstung der Kanäle gehen. Seien Sie auch an Nebeltagen, besonders im
Winter, vorsichtig. Gehen Sie ruhig einmal in das Labyrinth hinein. Je zaghafter Sie sind, desto häufiger werden Sie sich verlaufen.
Gleich, nachdem er seine Geschäfte in Rom erledigt hatte, nahm er den Zug und sollte am späten Abend in Venedig
ankommen. In einem von waberndem Morgendunst beschlagenen Fenster sah er diese Anweisungen. Er irrte orientierungslos
durch die Bilder eines von Erschöpfung tiefen Traumes, und was er sah, war nur ein unbewusstes Durcheinander von
Sätzen, die er seit seiner Ankunft in Italien in verschiedenen Reiseführern gelesen hatte.
Als er die Augen öffnete, rollte der Zug durch die Dunkelheit über die Eisenbahnbrücke, die Venedig mit dem Festland
verbindet. Diese Dunkelheit war ihm ein wenig fremd. Es war gerade erst acht Uhr vorbei. Kurz darauf tauchte ein wirkliches
Schild aus dem Dunkel auf, „Venezia Santa Lucia“, und der Zug lief in den Bahnhof ein. Als er dem Menschenstrom
folgte und aus dem Bahnhof hinaustrat, sah er vor sich die erstaunlichste Stadt, die er in seinen zweiunddreißig Lebensjahren
jemals gesehen hatte. Dichtgedrängt schwebten in dieser Stadt Paläste mit schwerem Kopfputz über dem Wasser. Sie
schaukelten auf dem Kanal wie riesige Vergnügungsdampfer kurz vor dem Untergang. Aber Brüstungen gab es nicht, auch
keinen Nebel.
Während er ein kleines Boot bestieg, das ihn zu seiner Pension bringen sollte, erwachte er langsam aus der merkwürdigen
Hypnose, die ihn seit Beginn dieser Reise befallen hatte. Zwischen den wie Gespenster schweigenden Fahrgästen redete er zu
sich selbst. Das also sollte Venedig sein. Was machte er hier eigentlich?
Ein Mitarbeiter seines italienischen Geschäftspartners hatte ihm auf seine Bitte hin das Zimmer reserviert. Die Pension
in dieser Stadt von Wasser und Nebel sollte in der Nähe der Rialto-Brücke liegen, nicht weit vom Zentrum der Altstadt.
Aus den Fenstern der kleinen Zimmer könne man auf die sich durch die Stadt schlängelnden Kanäle und hinab auf
Gässchen schauen, an deren alten, klammen Häusern die Farbe verblasste, die irgendjemand vor sehr langer Zeit einmal
aufgetragen hatte. Der Mitarbeiter seines Geschäftspartners hatte selbst einmal in der Pension übernachtet und ihm deshalb
angeboten, wenn er denn einverstanden sei, dort ein Zimmer für ihn zu reservieren. Natürlich hatte er nichts dagegen einzuwenden
gehabt.
Es war etwas unwirklich, wie er so nach Venedig gekommen war, als sei es ihm darum gegangen, seinen Mut wieder aufzufrischen,
der seit seiner Ankunft in Italien immer verzagter geworden war, oder als liefe er vor etwas davon, das ihn zunehmend
bedrängte. Alles ergab sich plötzlich und zufällig. Er hatte vor gerade vier Tagen seinen gewohnten Alltag hinter sich
gelassen, aber die Stunden der Reise erschienen ihm unwirklich und bereits Jahre zurückzuliegen.
An einem Tag, den er nicht mehr genau einordnen konnte, hatte er den Anruf von K. bekommen. Es musste wohl vor
gut fünf oder sechs Monaten gewesen sein. K. hatte ihm erzählt, dass er gerade von einer längeren Dienstreise zurückgekommen
sei. K. und er waren Freunde seit dem Gymnasium. Während des Studiums hatten sie viel zusammen ausgeheckt
und waren schließlich Berufskollegen geworden. Sie trafen sich regelmäßig mindestens ein- oder zweimal im Monat mit drei
oder vier weiteren Kommilitonen aus Schul- und Universitätstagen, auch wenn sie einander nicht unbedingt etwas zu sagen
hatten, die meisten von ihnen mit ganz anderen Dingen beschäftigt waren, und sie sich eigentlich nicht besonders vermissten.
Sie waren halt Freunde. Manchmal trafen sich die Freunde unter sich. Wenn sie sich aber an Wochenenden trafen,
brachte jeder seine Frau und seine ein oder zwei Kinder mit. Sie waren die reinsten Musterfamilien, wie aus der
Gesundheitswerbung. Wenn K. von einer Dienstreise zurückkam, konnte der schwerlich einfach wieder mit der Arbeit
anfangen, ohne ihn anzurufen. Natürlich unterhielten sie sich über Hüte. Hüte waren ihr Geschäft. Aber sie sprachen neben
dem Geschäftlichen auch über alle möglichen privaten Dinge und tauschten auch schon mal die eine oder andere Zote aus.
Chemie und Sozialwissenschaften hatten beide nichts mit Hüten zu tun, und so war es reiner Zufall, dass er und K. nach
dem Universitätsabschluss, unabhängig voneinander und nach verschiedenen anderen Anstellungen, beide in der
Hutbranche gelandet waren. Das war auch der Grund, der ihn und K. in ihrem Freundeskreis besonders verband. Wenn sie
von Hüten redeten, waren sie ernsthaft bei der Sache, und weil sie sich sonst nichts Besonderes zu erzählen hatten, sprachen
sie meist ausführlich von ihren Geschäften. Aber dass sie diesmal unnatürlich lange davon sprachen, hatte nicht nur er
bemerkt. So gut kannten sie sich. Und plötzlich fragte K., als wäre es ihm zufällig gerade eingefallen.
„Nasenka – was von ihr gehört?“
„...?“
„Jemand hat erzählt, sie sei in Italien.“
„Ja? Und?“
„Nur so, ich dachte, es interessiert dich vielleicht.“
„Warum gerade mich?“
„Das wird doch wohl alle interessieren, ein bisschen zumindest.“
So wie er K. nicht gefragt hatte, wer Nasenka wann und wo gesehen hatte und was sie jetzt machte, hätte K. es umgekehrt
sicher auch vermieden, genauere Fragen zu stellen, von wem er diese Informationen gehabt hatte. Kühl und distanziert
verstanden sie es gut, die Form zu wahren. In ihrem Gespräch war ein unnatürliches Schweigen entstanden, aber mit
einem aufmunternden Witz beendete er das Telefonat. Ein paar Tage später in einer Kneipe erwähnte K. das Gespräch ihm
oder den anderen Freunden gegenüber mit keinem Wort. Er selber verhielt sich auch so, als ob er es vergessen hätte, und
irgendwann vergaß er es tatsächlich.
Wenn sie beim Trinken zu diskutieren begannen, ereiferten sie sich jedes Mal und ließen kein gutes Haar an dieser ungerechten
Welt, als ginge es darum, sie auf der Stelle umzukrempeln. Das war dann ein Zeichen, dass die Luft bei ihnen raus
war. Sie waren nicht mehr die Jüngsten, bekamen langsam Angst vor der Unveränderlichkeit der Gesellschaft und hatten
keine rechte Vorstellung, wie sie ihr Leben hätten erfreulicher gestalten sollen. Deshalb trafen sie sich oft.
Nasenka. Das war ein Deckname nur zwischen ihnen. Sie benutzten ihn untereinander für eine Frau.
Und es gab diese Frau. Natürlich hatte sie einen richtigen Namen, aber für ihre städtischen Geschmäcker war der Name
nicht gerade attraktiv. Dass sie den Decknamen benutzten, hatte allerdings einen anderen Grund. In ihrer Gegenwart hatten
sie sie auch niemals so genannt. Nur wenn sie sich allein trafen, benutzten sie diesen Spitznamen, der ihnen zufällig
eines Abends zum Spaß bei einer langweiligen Zecherei eingefallen war. Sie waren damals alle so Mitte Zwanzig und standen
kurz vor dem Studienabschluss. Sie waren in einem noch nicht so gesetzten Lebensabschnitt und benutzten gern solche
Decknamen.
Eines Tages hatte einer aus ihrer Gruppe eine Studentin vorgestellt, die auch ungefähr in ihrem Alter zu sein schien. Sie war
auffallend klein, mischte sich ohne Scheu mit leiser Stimme in ihre Gespräche, wobei sie ihren Kopf etwas schräg hielt, und
wenn die Freunde manchmal im Übermut die Logik vernachlässigten, fragte sie mit ernster Miene nach.
„Wie kommst du denn darauf?“, zum Beispiel.
Oder sie sagte mit einem melancholischen Blick:
„Das wird daran liegen, dass wir alle zu jung sind und nicht wissen, wie wir diese jungen Jahre nutzen sollen.“
Mit solchen Reden versetzte Nasenka sie alle in Erstaunen.
Inzwischen aber war vieles unklar geworden. Wann es genau gewesen war, bei welchem Treffen, ob P. oder Y. sie ihnen
vorgestellt hatte, oder keiner von beiden, und ob sie damals nur irgendeine Bekannte gewesen war und jetzt vielleicht gar
nicht mehr in engerer Verbindung zu ihnen stand.
Sie hatte tatsächlich eine sehr schöne Nase. Während ihr Äußeres ansonsten nicht auffällig war, war doch ihre Nase wirklich
schön. Sowohl von vorn als auch von der Seite gesehen war sie sogar einmalig schön – deshalb der Spitzname Nasenka.
Aber dieser Name stammte nicht aus der Zeit, als sie noch zusammen waren. Und bevor sie ihr den Namen gegeben hatten,
war es eigentlich auch nicht der Gedanke an ihre Nase gewesen, den sie vorrangig mit ihr verbunden hatten. Dass ihr Spitzname
Nasenka wurde, hing mit einem Fehler zusammen, den sie gemeinsam begangen hatten und an den sie lieber nicht
zurückdenken wollten. Es war ein kleiner Fehler, der vieles andere überdeckte. Aber es war im Suff passiert, was wohl der
Grund dafür war, dass keiner von ihnen sich so genau daran erinnern wollte. Der Spitzname erlaubte ihnen, leichteren
Herzens von ihr zu sprechen. So nannten sie sie Nasenka.
Die meisten von ihnen waren seit dem Gymnasium miteinander befreundet. Im letzten Jahr an der Universität hatten
sie sich fast täglich getroffen, als sie die Einstellungstests vor sich hatten. Sie lernten gemeinsam für die Prüfungen, und auch
in den ersten Berufsjahren suchten sie fleißig Vorwände, um sich zu sehen. Ein- oder zweimal im Monat rief einer von ihnen
Nasenka an, und sie kam dann zu ihren Treffen dazu, allein oder mit immer derselben Freundin, ihrer einzigen, wie es schien.
Zu ihrer Freundin, an deren Namen er sich nicht mehr erinnern konnte, fiel ihm nur noch ein, dass sie kein einziges
Mal bis zum Ende ihrer Treffen geblieben war. Mit der Begründung, dass sie es weit nach Hause habe, flüsterte sie Nasenka
ein paar Worte ins Ohr, wenn die Stimmung auf ihren Treffen ausgelassener wurde, und eilte davon, als fürchtete sie wie
Cinderella, dass ihre U-Bahn sich in einen Kürbis verwandeln könnte. Keiner von ihnen hatte sie jemals überreden können
zu bleiben. Mehr als die wortkarge Freundin fesselte Nasenka ihr Interesse, die witzig sein konnte und in jedem Gespräch
mit leiser Stimme ihre Meinung zu äußern wusste, womit sie die anderen so manches Mal in offenes Erstaunen versetzte.
Wenn ihre Treffen etwas frische Stimmung nötig hatten, die Leute von ihren Beziehungskonflikten ermüdet waren, oder
wenn einfach nur mal wieder ein Treffen zum Trinken organisiert wurde, obwohl sie es eigentlich satt hatten, es aber aus
Gewohnheit nicht lassen konnten, dann riefen sie Nasenka an. Wenn man sie fragte, war Nasenka immer gern bereit, zu
kommen und hatte, soweit man sich erinnerte, niemals ohne Grund abgesagt. Sei es, dass sie Schmerzen wegen ihrer Tage
hatte, oder eine alte Freundin vom Lande zu Besuch gekommen war – das waren natürlich triftige Gründe. Was machte es
schon für einen Unterschied, ob es stimmte oder nicht. Ihr Tonfall war immer sehr ernst, und die Freunde fanden Nasenkas
antiquierte Ernsthaftigkeit lustig und ließen sich überraschend leicht überzeugen. Seit sie berufstätig waren, trafen sie sich
noch öfter.
Sie wussten fast nichts über Nasenka. Außer, dass sie an irgendeiner Universität Kunst studiert hatte; ob sie malte, bildhauerte
oder vielleicht beides tat, wussten sie nicht. Da sich in ihrem Kreis niemand auf diesem Gebiet auskannte, klang
ihnen das wenige, das Nasenka ab und an erzählte, sehr fremd. Unter dem Begriff Material konnten sie sich etwas vorstellen,
aber bis sie den Universitätsabschluss geschafft hatten, wollten sie nicht unbedingt wissen, warum die Unterschiede zwischen
Stein, Lehm und Holz so wichtig sein sollten. Ganz zu schweigen von ihren familiären Verhältnissen, war alles, was sie
über Nasenka wussten, ihre Telefonnummer und die Adresse auf ihren Briefen, die ab und zu kamen. Während der Jahre, in
denen sie mit ihr befreundet waren, hatte sich ihre Adresse oft geändert, oder sie hatte gleichzeitig verschiedene Anschriften
benutzt. Mal war es „c/o Soundso“, mal „im Atelier X“, so in dem Stil.
Man hätte ihre Lebensumstände deshalb eigentlich für etwas ungewöhnlich halten können, sie machten aber keinen von
ihnen neugierig. So etwas schien bei Nasenka eher natürlich zu sein, und sie hielten es für unangebracht, Neugier zu zeigen.
Nasenka war nicht die erste Frau auf ihren Treffen gewesen, aber es gab nicht viele, die wie Nasenka so lange Zeit kamen,
ohne das Gleichgewicht ihrer Treffen zu stören. Warum eigentlich? Weil sie wie Luft oder eine gewisse Wärme neben ihnen
saß und dann immer wieder spurlos verschwand. Bis dann diese Sache passierte, und sie für immer ihren Treffen fernblieb.
Bis dahin war sie so dabei gewesen, als wäre sie eigentlich nicht da, doch keiner von ihnen hatte einen Augenblick geglaubt,
dass sie eines Tages verschwinden könnte, an einen fremden Ort, von wo sie auf ihre Rufe nicht mehr antworten könnte.
In der Nähe des Bahnhofs hatte er sich einen Stadtplan gekauft und suchte die Pension, wie es ihm sein italienischer
Geschäftspartner aufgeschrieben hatte. Nehmen Sie das Vaporetto, steigen Sie am Rialto aus, aber gehen Sie dann nicht über
die Brücke, sondern nach links und dann noch einmal nach links... Da er den ganzen Tag im Zug verbracht hatte, war er
unglaublich müde. Seit seiner Ankunft in Italien hatte er kaum Zeit gehabt, sich auszuruhen, und die Melancholie, in der
er sich treiben ließ, folgte ihm hartnäckig, seit er Seoul verlassen hatte. Er stand neben einem jungen Mann mit sehr wohlgeratenem
Profil, der an jedem Anleger mit geübtem Griff das Schiffstau löste und aufwickelte, und betrachtete gedankenverloren
die über dem Wasser schwebenden Paläste. Die in warmes, orangenes Licht getauchten Bauten machten die
frühwinterliche, feuchte Luft dazwischen noch kühler und einsamer.
Was sollte er in diesem wildfremden Land, in dieser wildfremden Stadt zwei Tage lang anfangen? Eine Stadtbesichtigung?
Also, egal wie viel du zu tun hast, Venedig musst du auf jeden Fall besuchen, hatte K. ihm geraten, der schon länger
regelmäßig geschäftlich nach Italien fuhr. Na klar. Jeder will einmal nach Venedig. Besonders, wenn man frisch verliebt oder
gerade verheiratet ist. Um seinen Mund spielte ein bitteres Lächeln und verschwand dann wieder. In dieser Stadt, in der
alles langsam im Wasser zu versinken schien, konnte er sich nur ausgesprochen Dunkles vorstellen. Aber dass er nach
Erledigung seiner geschäftlichen Verpflichtungen in Rom nun nach Venedig gekommen war, hatte schließlich auch nichts mit
K.s Ratschlag zu tun. Sein Ziel war nicht diese Stadt, sondern eine Adresse in einer anderen Stadt, ganz in der Nähe.
Nicht die Brücke überqueren, nach links abbiegen und noch einmal abbiegen... Die Pension, in der er zwei Übernachtungen
reserviert hatte, war ein vierstöckiges, schäbiges Gebäude. An den langweiligen Anblick würde er sich gewöhnen.
In der Pension saß die Wirtin, eine hinkende Frau, die einen furchteinflößend großen Hund bei sich hatte und mit Italienisch,
Englisch und Französisch drei Sprachen fließend beherrschte.
Die Frau führte ihn zum Zimmer Nr. 7 im zweiten Stockwerk. Von seinem Zimmer aus blickte er, wie der
Geschäftspartner gesagt hatte, auf das Gässchen hinunter, in dem tagsüber verschiedene Obst- und Gemüsestände zu sehen
sein sollten. Auch den ein wenig weiter weg liegenden Hauptkanal und die beleuchtete Rialto-Brücke, die allerdings teilweise
verdeckt war, konnte er sehen. Zu dieser stillen Nachtstunde war die Gasse menschenleer. Von weitem hörte er ein- oder
zweimal die Stimmen junger Leute, deren Lachen klar herüber hallte und wieder verstummte. Ganz in der Nähe rief das
friedliche Geräusch, mit dem ein vorbeifahrendes Schiff das Wasser teilte, eine merkwürdige Einsamkeit hervor. Wenn es
doch einen Menschen gäbe, der ihm genauso sanft die widerborstigen Schuppen seines Lebens glattstreichen könnte. Warum
klang es für ihn nur überall so nach Zusammenbruch. Er war über dreißig, und dieser unvermittelte Anflug von
Sentimentalität machte ihn hoffnungslos verlegen.
Sie hatten nicht viel über Nasenkas Privatleben gewusst. Außer dass sie vor dem Universitätsabschluss eine Zeit lang mit
Kommilitonen zusammen in einer privaten Kunstschule unterrichtet hatte, wussten sie nicht einmal, wie sie eigentlich ihren
Lebensunterhalt finanzierte, wie viele Geschwister sie hatte, oder was ihre Lieblingsfarbe war. Merkwürdigerweise hatten sie
nicht einmal nach solchen Dingen gefragt. Auch wenn solche Themen zufällig zur Sprache kamen, wurde das Gespräch
ganz automatisch in eine andere Richtung gelenkt, als wäre die Zeit für Persönliches zu schade gewesen.
Einmal hatte es geheißen, dass sie sich auf Bildhauerei spezialisierte. Er erinnerte sich aber auch, dass sie lachend hinzugefügt
hatte, dass sie nur als Assistentin unter einem berühmten Bildhauer arbeite. Es konnte sich sowieso keiner konkret
vorstellen, wie sie, kaum größer als ein Kind, sich mit einem drei- bis viermal so großen Steinblock herumschlagen sollte.
Während der drei Jahre ihrer Bekanntschaft erfuhr sie auf ihren Treffen kein einziges Mal Interesse für ihre persönlichen
Dinge. Ihre Miene schien immer gleich zu sein. Ihre Nase erinnerte an die Schauspielerin Nathalie Wood, und um sie besser
zur Geltung zu bringen, hielt sie ihren Kopf etwas schräg, vielleicht in einem 45°-Winkel. Das war alles.
Ein kleines Zimmer. Die Zimmerdecke mit Stuckreliefs in den Ecken, seit der Ankunft in Italien hatte er das oft gesehen.
Er zögerte einen Augenblick vor dem Telefon. Dann horchte er eine Weile auf das Freizeichen aus dem abgenommenen
Hörer und legte wieder auf. Auf der anderen Seite der Erde war jetzt heller Tag. Und genauso groß war auch der
Abstand zum Leben mit seiner Frau. Immer schneller waren die vier Jahre zu nichts zerronnen. Am Anfang hatte es ernsthafte
Gespräche gegeben. Aber das zunächst noch kultivierte Hin und Her von Vorwurf und Verteidigung, in das noch
Begriffe wie Existenz, Wertmaßstab oder Gemeinschaft einflossen, hatte sich schnell zu bloßem Zank entwickelt. Lappalien
wie ein unwichtiger Einkauf oder seine Gewohnheiten, die Zahnpasta von der Tubenmitte her rauszudrücken, oder die
Zigaretten so ungeschickt auszumachen, dass sie noch weiter qualmten, verursachten Streit, der dann sofort die Grundfesten
ihrer gemeinsamen Existenz erschütterte.
Als hätten sich alle Worte irgendwohin verflüchtigt, war es ihr gegenseitiges, unbewegtes Schweigen, das ihren letzten
Streit ausgelöst hatte. Wie ein letztes Aufbäumen vor dem vollständigen Verstummen war dieser Streit lang und zäh gewesen.
Und wenn nicht ihr Schweigen, so hätte sich eben ein anderer Anlass für ihren Streit gefunden. Ihre regelmäßigen
Wortgefechte waren unentbehrlich, um sich gegenseitig in Frage zu stellen. Nach außen spielten sie weiter Theater. Zu zweit
besuchten sie ihre Verwandten oder trafen Bekannte. Wenn die Vorstellung zu Ende war, begannen wieder die Tage ihres
kalten Krieges.
Hätte er ohne diesen kleinlichen und eintönigen Zank, der am schonungslosesten ihrer beider Schwäche zeigte, die Reise
nach Italien genauso ungeduldig angetreten? Nur mit einer halb leeren Reisetasche und genauso gekleidet, wie er immer zur
Arbeit ging, war er, ohne seiner Frau Bescheid zu sagen, abgereist, als wollte er heimlich flüchten. Er schüttelte stumm den
Kopf. Ob er sich auch ohne ihren Zank an Nasenka erinnert und sich diskret bei Freunden von ihr, die er gekannt hatte,
umgehört hätte? Nach ein paar Tagen hatte er über verschiedene Ecken ihre Adresse in Italien herausbekommen.
Mit einer gewissen Befriedigung dachte er daran, wie er sich Schritt für Schritt, als ginge es darum, ein streng geheimes
Dokument in die Hände zu bekommen, um ihre Adresse bemüht hatte. Er stellte sich das Gesicht seiner Frau vor – wenn
sie den wahren Grund seiner Italienreise erfahren sollte. Aber das war ihm auch keine Genugtuung. Um mit einer solchen
Vorstellung seine Laune aufzuheitern, war das Verhältnis zwischen ihnen beiden zu böswillig und abgestumpft. Ihr Gezänk
war ja nur ein armseliger Vorwand, keiner von ihnen war fähig, dem Unfrieden und der Uneinigkeit ihrer verquer gelaufenen
Beziehung entgegenzutreten. Hinterher bereuten sie es.
Was machte er eigentlich hier, und wie sollte er bloß die zwei Tage herumkriegen?, murmelte er lustlos vor sich hin, holte
den Reiseführer aus der Tasche und legte sich aufs Bett. Die Zimmerdecke schien in immer größerer Höhe zu verschwinden.
Immer weiter entfernte sich auch die andere Seite der Erde. Langsam schlief er ein. So würden wenigstens zehn
Stunden in Ruhe vergehen.
Am nächsten Morgen zogen wabernde Nebelschwaden am Fenster vorbei, wie es im Reiseführer beschrieben war. Und
wie der Geschäftspartner erzählt hatte, waren zu beiden Seiten der Gasse direkt unter seinem Fenster bereits die morgendlichen
Gemüsestände aufgebaut. Er ließ das Fenster offen stehen und ging zum Speisesaal. Zu dieser frühen Stunde saßen
nur drei Leute beim Frühstück und unterhielten sich mit gedämpfter Stimme. Sie sahen amerikanisch aus und redeten wohl
über das Wetter, denn er hörte, wie die Wirtin sie mit trockener Stimme beruhigte, dass es im Laufe des Tages noch aufklaren
werde. Zwei Tassen Kaffee, ein Stück Toastbrot. Seine Bestellung war einfach, und als er zu Ende gefrühstückt hatte,
fühlte er sich wieder müde und ging eilig auf sein Zimmer zurück. Es war acht Uhr morgens. Er war in Gedanken noch in
Seoul, wie in der vergangenen Nacht.
Sein Blick fiel gedankenverloren auf den aufgeschlagenen Reiseführer. San Marco, Torcello, Santa Maria della Salute.
Allein reisen ist doch unerträglich, dachte er. Es war das erste Mal, dass er auf einer Geschäftsreise zwei volle Tage Freizeit
hatte. Als wäre es Absicht gewesen. War das nicht überhaupt seine erste Reise allein? Sonst war es immer geschäftlich gewesen,
und wenn nicht, war er in Gruppen unterwegs. Gesichter huschten ihm durch den Kopf, seine Frau, Freunde, Kollegen,
doch niemanden konnte er sich als Begleitung für diese Reise vorstellen. Wie einen fernen Schatten im Gegenlicht sah er
Nasenka in der Dunkelheit am Wasser vorübergehen. Außerhalb der Saison ist es nirgendwo so lästig wie in Venedig, die
Öffnungszeiten sind überall unterschiedlich. Wenn du wenigstens ein bisschen was sehen willst, musst du die Vormittage
nutzen. Ab drei Uhr ist überall geschlossen. Die Stimme von K., diesem unermüdlichen Informationskonsumenten, verblasste
in seinem Ohr.
Er hob den Hörer ab. Dann schlug er die Seite in seinem Kalender auf, wo eine Telefonnummer wie gedankenlos dahin
geschrieben stand. Keine Nummer aus Seoul, sondern Nasenkas.
Er würde nur erzählen, dass er auf Geschäftsreise sei und zufällig von ihr gehört habe. Inzwischen sollte sie dieses kleine,
unerfreuliche Ereignis ja wohl vergessen haben.
Zum ersten Mal beschlich ihn eine leichte Neugier, was Nasenka hier auf dieser Seite der Welt eigentlich treiben mochte.
Soweit er sich erinnerte, hatte er niemals gehört, dass sie in Italien Verwandte oder Freunde hatte, oder dass sie in jüngeren
Jahren Italienisch gelernt hätte. Aber er war ja selbst nicht aus solchen Gründen in Italien. Vier Leute hatte er fragen
müssen, um ihre Adresse und Telefonnummer herauszubekommen. Natürlich wäre das auch schneller gegangen. Aber er
hatte sich nicht erklären wollen und deshalb auch nicht getraut, ihren ehemaligen Kommilitonen, dessen Stimme außerdem
ziemlich unfreundlich geklungen hatte, offen nach Nasenka zu fragen.
Zu ihrer Telefonnummer gehörte die Vorwahl einer kleinen Stadt, die man in einer Stunde mit dem Zug aus Venedig
erreichen konnte. Es sollte eine sehr kleine Stadt sein, was tat sie dort bloß? In dem Augenblick fiel ihm ein Kloster oder
etwas Ähnliches ein, warum eigentlich, er verstand es selber nicht. Vielleicht wegen der unzähligen Kirchen, die hier auf
Schritt und Tritt zu sehen waren.
Auch wenn sie keine Nonne war, hätte es doch ein bisschen zu ihrem Aussehen gepasst. Als er sich aber ihr Gesicht in diesem
Bild etwas konkreter vorstellte, spürte er doch ein leichtes Unbehagen. Dieses Gefühl hatte er schon mehrmals erlebt, aber
es kam ihm noch immer fremd vor. Ein Befremden, das seine Laune verdarb und ihn gereizt machte.
Er hob den Hörer ab, wählte die Nummer für Gespräche außer Haus und dann sehr schnell ihre siebenstellige Nummer.
Es klingelte. Das Klingeln dauerte an. Als wollte er irgendetwas von diesem Klingeln, das wohl in einem leeren Raum stattfand,
erfahren, horchte er auf dessen regelmäßigen Rhythmus. Niemand hob den Hörer ab. Es war wohl viel zu früh. Die
Uhr zeigte kurz nach halb neun. Behutsam legte er den Hörer auf. Er war erleichtert, als hätte er eine Hausaufgabe aufschieben
können.
Er überlegte. Vom Rialto bis San Marco würde er einfach so laufen, ohne jemanden nach dem Weg zu fragen. Auch wenn
er in dem Labyrinth der Gassen die Orientierung verlieren sollte, wollte er niemanden fragen. Er steckte ein Kärtchen mit
Name und Telefonnummer seiner Pension ein und ging hinaus.
Zwischen den Leuten, die an der großen Spiegelwand eines offenen Cafés stehend Cappuccino tranken, unter den
Angestellten, die die Regale in teuren Geschäften für Mode oder Lederwaren putzten, oder im Strom der Menschen, die
mit ihren Einkaufstaschen eilig durch die engen Geschäftsgassen strömten, suchte er jemanden, der ungefähr wie Nasenka
aussehen konnte.
Dass er so zwanghaft an sie denken musste, war merkwürdig. Zwanghaft? Es ist wohl eher hartnäckig, murmelte er.
Schließlich war er nun einmal gerade hierher gekommen, nicht weit entfernt von ihrem Wohnort, oder lag es am Nebel und
den labyrinthartigen kurzen und engen Gassen, oder am Wasser, das sich ausnahmslos am Ende einer jeden Gasse zeigte.
Richtig. Erstaunlicherweise assoziierte er mit Nasenka auch immer Wasser. Vielleicht waren damals auch deshalb alle ganz
natürlich auf die Idee mit der Reise zu jenem Fluss gekommen.
Dass sich Nasenka neben ihren gemeinsamen Treffen auch ab und zu mit dem einen oder anderen von ihnen zwischendurch
getroffen hatte, konnte er sich denken. Er selber hatte es ja auch getan. Aber niemand hatte darüber geredet,
jedenfalls nicht bis die Verbindung zu ihr abbrach. Wie es bei den übrigen Freunden war, wusste er nicht, aber wenn er sie
traf, verlief das immer nach dem gleichen Schema. Es war immer Nasenka, die einen Treffpunkt auswählte, nicht das Café,
wo sie sich sonst mit ihrer Gruppe trafen.
„Ich kenne da ein ganz angenehmes Café mit einem bequemen Sofa, wollen wir da mal hin?“, schlug sie beispielsweise
vor.
Wenn es darum ging, in Seoul einen Ort mit angenehmer Atmosphäre, der noch dazu zur jeweiligen Stimmungslage des
anderen passte, auszuwählen, konnte das niemand besser als sie. Egal, ob es ein Café oder eine Kneipe war, die Treffpunkte,
die sie auswählte, lagen immer irgendwo an Straßen, wo sie alle häufig vorbeikamen. Warum sie ihnen selbst nie aufgefallen
waren, war ein Rätsel. All diese Orte hatten aber eine bestimmte Besonderheit, die im Gedächtnis blieb. Einen Sitz mit
einer bemerkenswert bequemen Rückenlehne, eine besondere Dekoration oder eigenartige Tassen, und sie vergaß nicht,
darauf aufmerksam zu machen, so dass schließlich auch jemand, der für solche Dinge eigentlich wenig empfänglich war,
nach einiger Zeit mitreden konnte. Auf diese Weise verwandelte sich ein ganz normales Lokal in einen eindrucksvollen
Raum voller Erinnerungen. Als hätte sie eine komplette Liste parat, führte sie ihn, wo immer sie ihn auch traf, auf Schleichwegen
zu einem solchen Ort, als ob sie ihn zu sich einlüde.
Sie unterhielten sich eine Weile, schlenderten dann durch die Straßen und aßen noch eine Kleinigkeit. Es war erstaunlich.
Nasenka gegenüber zeigten sie sich meist knauserig, auch als sie nicht mehr Studenten, sondern schon berufstätig waren. Sie
merkten das selbst, aber verstanden es nicht. Das änderte sich auch nicht, nachdem es ihnen wirtschaftlich immer besser ging.
Anders als sonst, wenn er sich mit Frauen traf, suchte er, wenn er mit Nasenka zusammen war, sehr schäbige und billige Gaststätten
aus, unabhängig davon, ob er sie einlud oder nicht. Nach dem Essen spielten sie ein oder zwei Runden Tischtennis
oder Bowling. Danach liefen sie zu Fuß wieder an den Ort zurück, den Nasenka anfangs ausgewählt hatte.
Und dann, von einer merkwürdigen Kraft gezogen, als legte er die Beichte ab, erzählte er ihr seine intimsten und peinlichsten
Dinge, von denen er keinem anderen je erzählt hatte. Abgesehen von seiner Freundin, erzählte er ihr alles. In welchem
Alter er zu onanieren begonnen hatte, von seinen unerträglichen Angewohnheiten, und sogar von seiner heimlichen
Unzufriedenheit mit engen Freunden, die Nasenka auch kannte. Sie hielt den Kopf ein bisschen schräg und hörte ihm zu.
Sie unterbrach ihn nie, bevor er alles zu Ende erzählt hatte. Weil sich ihr Lächeln um den Mund niemals veränderte, was für
schockierende Dinge er ihr auch sagte, klagte er sich vor ihr manchmal absichtlich übertrieben seiner heimlichen bösen Seiten
an. Er kannte keine andere Frau, die so konzentriert wie Nasenka seinen trivialen Geschichten zuhörte. Dabei dachte er
manchmal daran, dass sie auch bei einigen seiner Freunde eine ähnliche Rolle spielte, was ihn aber keineswegs eifersüchtig
machte.
„Es war bestimmt nicht leicht davon zu sprechen. Ich danke dir für dein Vertrauen.“
Selten nur ließ sie so ihre Müdigkeit erkennen. Es war ihre Art zu sagen, dass sie nach Hause wollte.
Wenn sie herauskamen, war es spät, aber er lief dann gleich zur U-Bahn und ließ sie an der dunklen Haltestelle allein,
ohne mit ihr zusammen auf ihren Bus zu warten. Sie selbst bestand auch nie darauf, und wenn er sich manchmal umdrehte,
schien sie in Gedanken schon ganz woanders zu sein. Warum hatten sie nur Nasenka gegenüber die elementarste Rücksicht
vermissen lassen?
Seine Kehle fühlte sich plötzlich trocken an. Er trat in ein Café mit auffällig klaren Fensterscheiben und trank eine Tasse
Cappuccino. Der weiche Schaum klebte angenehm an seinem Gaumen. Er trank wie alle anderen im Stehen und machte
wie sie ein munteres Gesicht. Nur mit Mühe konnte er das Verlangen unterdrücken, jemanden nach der Richtung von San
Marco zu fragen. Er ging wieder hinaus. Statt dem mit Pfeilen ausgeschilderten Weg folgte er einfach der Richtung, in der die
meisten Menschen gingen, und kam so durch unzählige Gässchen und über kleine Plätze. Als wollte er sich partout nicht auf
die Reize der Stadt einlassen, hielt er den Mantelkragen fest zusammen wie ein tief mit sich selbst beschäftigter Mensch und
hastete über die kleinen Brücken an den nebeligen Kanälen.
Hatte aus ihrer Gruppe nicht zuerst J. der Übermut gepackt? J. hatte als erster von ihnen geheiratet. Eines Nachts – nach
Mitternacht – hatte er einen Anruf von ihm bekommen. Er legte den Hörer leise neben das Bett und nahm das Gespräch
im Nebenzimmer entgegen. Und da seine Frau hätte mithören können, vergaß er auch nicht, zunächst den Hörer neben dem
Bett wieder aufzulegen. J. war betrunken und redete von Nasenka. Der Kontakt zu ihr war damals schon seit mehr als einem
Jahr abgebrochen. Zu seiner Frau, die wegen des mitternächtlichen Anrufs neugierig geworden war, sagte er, als sei es nichts
Wichtiges:
„Es ist J. Er hat gesoffen und braucht jetzt wohl jemanden zum Reden.“
J. war tatsächlich maßlos betrunken, aber das wirre Zeug, das er in seinem Zustand herausließ, reizte seine Neugier und
machte ihn hellwach.
„Wenn du wüsstest... Warum habe ich nur gezögert! Ich bin ja so bescheuert. Wenn ich mich nur ein bisschen mehr
bemüht hätte, dann wäre was daraus geworden. Keine Sorge, keine Sorge. Meine Frau ist zu ihrer Familie gefahren. Warte
mal eben, wo habe ich denn bloß den Brief. Nasenkas Antwort... einen Augenblick. Ich habe ihn gut versteckt. Nun hör
mal. Ich lese nur die wichtigen Passagen.“
Mit alkoholisierter Stimme und übertriebener Betonung begann er vorzulesen:
„J., du hattest schon immer die Angewohnheit, etwas Wichtiges wie im Spaß zu sagen. Das bedeutet aber keineswegs,
dass ich dich nicht ernst nehme. Ich verstehe gut, dass du im Augenblick eine schwere Zeit hast und deswegen wohl auch
so einen Brief schreiben musstest. Aber denk doch einmal nach. Bin ich wirklich die richtige Adressatin deines Briefes?
Vielleicht gönnst du dir einmal für eine Woche oder zehn Tage eine Reise, egal wohin. Und wenn du dann eine Antwort
gefunden hast, dann könnten wir ja einmal darüber reden.“
Während er J.s Stimme hörte, der die Satzenden in die Länge zog und zwischen verschiedenen Abschnitten des Briefes hin
und her sprang, fühlte er sich an Nasenkas Stelle, und es nervte ihn derart, dass er J. am liebsten geohrfeigt hätte. Aber seine
heimliche Neugier war stärker, und sein Ärger dauerte nicht lange an. Du kennst doch Nasenkas Handschrift? Wenn du
wüsstest, was ich ihr für einen Brief geschickt hatte, würde es dich umhauen. Ich hatte ihr einen inbrünstigen Heiratsantrag
gemacht. Ich musste das einfach tun. Ihr habt ja alle nichts davon geahnt. In letzter Zeit habe ich wieder öfter an sie gedacht.
Natürlich stand ich damals schon direkt vor meiner Hochzeit. Aber so einen Brief konnte ich doch wohl nicht wegschmeißen.
Ach Nasenka, ich vermisse dich!
J. lallte seine romantischen Reminiszenzen, und er hörte diesen Geständnissen mit moderatem Anstand zu. Er selbst bildete
ja keine Ausnahme. Auch wenn es, verglichen mit J., graduelle Unterschiede geben mochte, bewahrte doch jeder von
ihnen ein oder zwei Briefe Nasenkas auf. Als wären es Trophäen. Direkt nachdem sie aus ihrem Kreis verschwunden war, war
es unter ihnen eine kurze Zeit chic gewesen, sich gegenseitig die alten Briefe Nasenkas vorzulesen, die meist aus der Anfangszeit
ihrer Bekanntschaft mit ihr, noch aus der Studienzeit, stammten. Es war wohl auch bei einem gemeinsamen Trinken
in dieser Zeit gewesen, dass sie ihr den Spitznamen Nasenka gegeben hatten. Nasenka hatte auf ihre Briefe immer geantwortet.
Man hätte meinen können, sie sei nur zu dem Zweck auf Erden, um alle Briefe dieser Welt zu beantworten, und dann
rührten einen diese Briefe auch noch so, ohne dass man eigentlich wusste warum. Es machte sie ein bisschen stolz, mit einer
Frau so tiefsinnige, irgendwie philosophische und jedenfalls geschmackvolle Briefe zu wechseln. Nasenka war der erste Mensch
gewesen, der bei ihm überhaupt das Bedürfnis erweckte, Briefe zu schreiben. Auch als er noch mit seiner späteren Frau
befreundet war, hatte er nie daran gedacht, ihr einen Brief zu schreiben. Einmal hatte er Nasenka in einem Brief ein Gedicht
abgeschrieben, das er irgendwo gelesen hatte. Sie hatte ihm humorvoll geantwortet, er habe sie wohl raten lassen wollen, ob
sie den Titel des Gedichts kenne. Das war ihre Art, sie hatte ihn damit nicht verletzen wollen. Auch wenn mal etwas nicht so
lief, brauchte man sich ihretwegen keine besonderen Sorgen zu machen. Warum sollte er sie also nicht auch jetzt, trotz dieser
Geschichte, unter dem Vorwand der Geschäftsreise besuchen?
„Wir sind doch Freunde.“
Das hatte sie einmal gesagt, um ihn zu beruhigen, nachdem er etwas sehr Dummes gesagt hatte. Was das gewesen war,
hatte er natürlich längst vergessen. Aber er erinnerte sich noch lebhaft an das Unbehagen, das ihre Worte bei ihm ausgelöst
hatten.
Keiner aus ihrer Gruppe, auch er selbst nicht, hatte Nasenka seinen jeweiligen Hochzeitstermin mitgeteilt. Er wusste
nicht, warum die anderen Freunde es nicht getan hatten, er selbst hatte einfach nicht daran gedacht. Als er die
Einladungskarten vorbereitete, hatte er natürlich noch beabsichtigt, auch ihr eine zu schicken. Aber dann war viel zu erledigen,
und er hatte es einfach vergessen. Unbewusst hatte er es darauf abgesehen, es zu vergessen. Die anderen heirateten
erst, nachdem der Kontakt zu ihr abgebrochen war, aber auch P. und J., die vorher geheiratet hatten, hatten ihr offensichtlich
nichts davon gesagt. Er hatte Nasenka nach der Hochzeit von J. getroffen, und als er sich an dessen Stelle entschuldigte,
sagte sie:
„Du wirst aber doch so etwas wie eine Hochzeit nicht so wichtig nehmen“.
Von weitem war der spitze Turm von San Marco zu sehen, den er von Fotos kannte. Die Menschenmassen, die zu dieser
frühen Stunde zum Wasser strömten, zeigten ihm, dass er sich dem Markusplatz näherte. Wenn der Platz mit den zwei goldenen
Löwen, die trutzig zum Meer hin standen, menschenleer gewesen wäre, hätte es ihn vielleicht beeindruckt. Eigentlich
mochte er Menschenansammlungen. Hier drängten sich aber einfach zu viele Touristen, Verkäufer und auffällig fette Tauben.
Gerade als er an der Kasse die Eintrittskarte für die Markuskirche löste, bemerkte er, dass er seine Kamera und auch das
Fernglas in der Pension gelassen hatte. Auch die eigens besorgte Broschüre über die Mosaiken in der Kirche hatte er nicht
dabei, und das verdarb ihm die Laune. Er hatte aber auch keine Lust, wegen der Sachen noch einmal zur Pension zurückzulaufen.
Eingezwängt in den Menschenstrom betrat er die Kirche, aber während die Touristen mit offenen Mündern staunten,
empfand er, abgesehen von dem überraschenden Umfang und der Farbenpracht der goldenen Mosaiken, die die Wände,
Säulen und Deckengewölbe lückenlos bedeckten, nur abgrundtiefe Langeweile, wie man sie wohl nur als unvorbereitet
Reisender kennt. Auch in dieser von aller Welt bewunderten Kirche gähnten in seinem Kopf ganz andere Gedanken, die in
eine andere Zeit, an einen anderen Ort schweiften.
Er setzte sich auf eine der Bänke am Gang, rief sich alles in Erinnerung, was ihm aus der Bibel noch im Gedächtnis
geblieben war, und konnte einige der in den Mosaiken dargestellten Szenen erkennen. Lange saß er so halb abwesend und
wartete lethargisch, dass die Zeit verging. Zwischen all den verschiedenen Sprachen hörte er auch Koreanisch, achtete dann
nur noch darauf und blieb stur in der Kirche sitzen. Die klare Stimme einer jungen Frau in Begleitung eines älteren Herrn
erklärte eine Mosaikszene an der Deckenkuppel direkt vor seinem Platz. Eine Szene vom Auszug aus Ägypten. Vater und
Tochter, die sich gut verstanden. Aber was machte er selbst hier eigentlich? Er dachte an seine Tochter zu Hause. Sie war
erst zwei. Er unterdrückte die Schwermut, die ihn überkam und stand auf. Die Tochter bot ihrem Vater den Platz an, auf
dem er gesessen hatte. Am Ausgang herrschte noch größeres Gedränge als am Eingang.
Er lief zur Kaimauer und atmete tief durch. Am Wasser standen in Abständen öffentliche Telefonzellen, die ihm ins Auge
fielen. In Seoul war jetzt düsterer, frühwinterlicher Abend. Die Nebel über dem Meer waren völlig aufgeklart. Da hörte er
in der Nähe lautes Geschrei. Um das Geschrei herum sammelte sich im Handumdrehen eine Menschentraube. Ohne zu
wissen wie, fand er sich plötzlich am inneren Rand eines Kreises, der sich genau so plötzlich gebildet hatte. Darin waren
drei Männer in eine Schlägerei verkeilt, während sie sich auf Italienisch beschimpften und dabei ihre Kräfte wie echte
Profiboxer zur Schau stellten. Genauer betrachtet war es eigentlich ein Kampf Einer gegen Zwei. Ohne dazwischenzugehen,
schauten die Leute nur mit großen Augen zu, wie er selbst. Aber der Einzelkämpfer war nicht schlechter als die beiden anderen.
Während der Kreis sich vergrößerte, tauchten auch auf den Terrassen der teuren Hotels, die den Kai entlang standen,
immer mehr Gesichter auf, um dem Kampf zuzuschauen. Alle drei trugen Lederjacken und waren gut gebaute junge Kerle.
Abgesehen von gelegentlichem Aufschreien und Japsen nach Luft kämpften sie mit zusammengebissenen Zähnen.
Schließlich zeigte sich doch der zahlenmäßige Vorteil der zwei, und als ihr Gegner zu Boden ging, begannen sie ihn im
Bewusstsein ihres Vorteils konzentriert mit Fußtritten zu bearbeiten. Während sie schweigend traten, wuchs die Unruhe
unter den Zuschauern. Ihm, der die Sprache dieses Landes nicht verstand, schien es, als ob die Leute die Kämpfer wie bei
einem Ringkampf anfeuerten. Der Kampf setzte sich mit immer heftigeren Szenen fort, und auch er ballte die Fäuste.
Selbstverständlich wagte keiner einzugreifen. Er merkte, dass mit den Faustschlägen und Fußtritten der beiden Angreifer
auch seine Aufregung wuchs. Ja, nur noch einen drauf, schlag doch zu! Noch einen entscheidenden Schlag, und dann
Schluss. Genau in diesem Augenblick tauchten plötzlich Polizisten auf, drängten sich durch die Menschen, zerrten die drei
hoch und führten sie irgendwohin ab.
Die Leute zerstreuten sich, und er sah wieder die Telefonzellen. Als riefen sie ihn. In einer schnellen Bewegung holte er
die Telefonnummer heraus. Er rief nicht auf der anderen Seite der Erde, sondern in der kleinen Stadt ganz in der Nähe an.
Irgendjemand meldete sich ein paar Mal hintereinander auf Italienisch, und dann war länger eine sehr schnelle, hohe und
freundliche Frauenstimme zu hören, die er aber nicht verstand. Hastig fragte er auf Englisch nach Nasenka. Natürlich nannte
er ihren richtigen Namen. Nach kurzem Warten hörte er ein Durcheinander italienischer Stimmen, die wieder schnell und
munter sprachen, und dann war die ihm vertraute, fröhliche Stimme zu hören. Die Stimme von Nasenka. Gerade als sie
sich meldete, legte ein Vaporetto an und setzte eine Gruppe von Passagieren ab. Ein junges Pärchen ging, an den Hüften
umschlungen von Bord und lachend direkt neben ihm vorbei. Er spürte alle Vorsicht schwinden. Es war wie ein plötzlicher
Alkoholrausch.
Er nannte seinen Namen und lachte verschämt mit übertriebener Heiterkeit. Ohne auf ihre Reaktion zu warten, fügte er
dann langatmige Erklärungen an. Dass er auf Geschäftsreise und, während ein Vertrag noch vorbereitet werde, nach Venedig
gekommen sei. Dass er dann wieder nach Rom zurück müsse. Er wolle sie vorher gern noch treffen. Wie schwierig es gewesen
sei, ihre Adresse und Telefonnummer zu erfragen. Zu oft und grundlos lachte er dabei laut auf, und ließ sie überhaupt
nicht zu Wort kommen. Dabei redete er so schnell, als müsste er vor irgendetwas davonlaufen. Und dann verstummte er wie
ein Radio, dem plötzlich der Strom ausgefallen war. Erst als er schwieg, lachte sie fröhlich und sagte mit lauter Stimme:
„Ich freue mich. Komm doch vorbei.“
Dann sprach sie langsam weiter, mit ihrer leisen und ruhigen Stimme, an die er sich gut erinnern konnte. Der Name der
Haltestelle, an der er aussteigen sollte, der Name der Straße, in der ihr Büro lag, der Name der Firma, in der sie als
Designerin angestellt war; all das erzählte sie freundlich und langsam. Wie entschuldigend fügte sie hinzu, dass ihre Stadt
nicht besonders sehenswert sei, verglichen mit Venedig.
Auch wenn alles an ihr wie früher war, hatte sich doch irgendetwas verändert. Ihre Stimme war nicht anders und auch
nicht weniger freundlich. War sie denn nicht wirklich erfreut? Er fühlte sich plötzlich kraftlos. Er fand nicht den Mut, sie
zu sehen – den Zug zu nehmen, die Straße zu suchen, in ihr Büro zu gehen, neben ihrem Schreibtisch zu warten, bis sie
mit der Arbeit fertig war, und sich dann, wie in diesem Land üblich, zu ihr nach Hause zum Essen eingeladen, unterhalten
zu müssen. Und wenn sie verheiratet sein sollte, müsste er auch noch mit dem ihm völlig unbekannten Ehemann höflich
Konversation treiben. Absichtsvoll fragte er:
„Wie viele Kinder hast du denn jetzt?“
Sie lachte, aber antwortete nicht darauf. Was war aus ihrer Stimme herauszuhören? Als er sie fragte, ob er sie denn nicht
stören würde, fragte sie ihn statt einer Antwort nach einem kurzen Schweigen zurück, ob er sie denn so schlecht kenne.
Als ein Piepton das nahende Ende der Gesprächszeit anzeigte, fügte sie hinzu:
„Rufst du mich nicht auch nur genau wie J. an und kommst dann doch nicht? Oder wirst du nicht auch wie P. nicht einmal
auf eine Tasse Tee bleiben und gleich wieder verschwinden wollen? Komm doch vorbei, ich freue mich wirklich.“
Als wäre die Zeit abgestoppt, war das Gespräch mit ihren Worten zu Ende. Auch in seinem Kopf klickte es. P.? Und J.?
Ihm fiel das letzte Treffen vor dieser Reise ein. Obwohl er seine anstehende Geschäftsreise eigentlich für sich behalten
wollte, hatte er doch unbedacht davon erzählt, als die Stimmung langsam vertrauter geworden war. Da erwähnte einer, der
nach ziemlich langer Pause wieder zu ihrem Treffen gekommen war, plötzlich Nasenka. Warum hatte man ihr eigentlich
einen so japanisch klingenden Spitznamen gegeben? Wir hätten Sie doch einfach „Die Nase“ nennen können. Wer hatte
sich denn überhaupt den Namen ausgedacht? Wenn sie davon wüsste, wäre sie garantiert beleidigt, sagte ein anderer. Wie
hätte sie denn davon erfahren sollen? Ihm fiel ein, dass auch J. und P. dabei gewesen waren und irgendetwas dazu gesagt
hatten. Auch an K.s Anruf, in dem er ihm vor ein paar Monaten die Neuigkeiten über Nasenka mitgeteilt hatte, erinnerte
er sich noch lebhaft. Alle redeten so, als hätten sie durch irgendeine dritte Person erfahren, dass Nasenka in Italien lebte, und
nicht, dass sie sie getroffen oder mit ihr telefoniert hatten.
Anders als er geantwortet hatte, dass er sich gleich auf den Weg machen würde, verließ er den Kai und lief durch die
Gassen, die schmalen Kanäle entlang. Es war Winter, und die von dickem Moos feuchten Mauern sahen aus, als wollten sie
ins Wasser stürzen. Am Ende der Mauern waren kleine Brücken zu sehen. In den kleinen Häusern mit ihren schmalen
Fassaden würde sich das Leben wie in einem Sandkastenspiel fortsetzen. Ab und zu hörte man von drinnen Musik oder Alltagsgeschwätz.
Als sollte die im Wasser versinkende Stadt noch tiefer hinabgezogen und die Traurigkeit ihrer abgewaschenen,
moosbewachsenen Oberfläche noch betont werden.
Die endlose Abfolge von Kanälen, Gassen und Brücken. Er ließ sich schwankend hindurch treiben. Ein Schild, auf das
er zufällig in einer Straße blickte, zeigte ihm, dass er sich immer weiter von der Rialto-Brücke entfernte. Es war nur ein
unbestimmtes Zeichen. Mit der Freiheit eines Verzweifelten lief er ohne Karte oder Ziel durch eine fremde Stadt, und verfiel
traurig lächelnd in eine stumme Ruhe, während er in einem Land, dessen Sprache er weder sprach noch verstand, durch
dieses Labyrinth irrte. Wie die Hintergrundgeräusche der Stadt hörte er ein paar Mal auch Nasenkas Stimme, nein, er hörte
die Stimme der Designerin Jinja Chang, die in der Firma Scobeni arbeitete. Kennst du mich denn so schlecht? So schlecht?
Wie ein gefährliches Rätsel zog ihre Stimme ihn immer tiefer in das Labyrinth dieser Stadt.
Aus dem Fenster sah er einen Zug nach Norden abfahren. Er sah noch einmal das weiße Schild Santa Lucia, das er schon in
der abendlichen Beleuchtung der Halle gesehen hatte. Gleich sollte sein Nachtzug nach Rom abfahren. Weil es zum Schlafen
noch zu früh war, waren nur die oberen Betten hergerichtet. Zwei weitere Fahrgäste unterhielten sich durch das Fenster im
Gang mit den Leuten, die sie zum Bahnhof begleitet hatten. Er stieg auf das Bett, das oben für ihn reserviert war, und legte
sich hin. Der Zug bewegte sich langsam und begann dann über die lange Brücke zu rollen, die Venedig mit dem Festland
verbindet. Um fast die gleiche Uhrzeit war er in Venedig angekommen. Im Liegen sah das Meer noch weiter entfernt aus.
Auf der Lagune standen in Abständen orange Laternen in einer langgestreckten Kurve wie eine Prozession marschierender
Mönche. Wie betend standen die schwarzen Pricken, und die Lampen zeigten den nächtlichen Schiffen ihren Weg. Der Zug
nahm Fahrt auf, und das Meer verschwand aus seinem Blick. Aus der Ferne spürte er noch einmal das unerklärliche Gefühl,
als sei irgendetwas eingestürzt.
Eine Stadt, in der man nur kurze Zeit blieb, und sie dann wieder verließ. Der Zug eilte jetzt durch eine gottverlassene,
dunkle Landschaft, in der sich immer weniger Lichter zeigten. Die Fahrgäste auf den Plätzen unter seinem Bett beschäftigten
sich eine Weile geräuschvoll damit, die Sitze umzubauen. Irgendwann trat dann Ruhe ein. Auch die Geräusche vom Gang
verstummten allmählich, während der Zug mit voller Fahrt durch die Nacht eilte. Drei Betten waren noch nicht belegt. Im
Laufe der Nacht bis zum Morgen, wenn alle schliefen, würden wohl an irgendwelchen Bahnhöfen noch Leute, die die
Betten reserviert hatten, zusteigen, vielleicht in Bologna oder Florenz.
Wie war das eigentlich passiert? Konnte man es überhaupt ein Ereignis nennen?
Es wusste wohl keiner mehr, wie sie damals die Kneipe bei diesem sumpfigen Schilfgebüsch gefunden hatten. Es hatte
damit angefangen, dass zwei von ihnen sich gebrauchte Autos gekauft hatten. Über die Feiertage fuhren sie, zusammen waren
sie sieben Leute gewesen, aus Seoul los und kamen bis zum Nakdong. Eigentlich hatten sie sich irgendwo ein schönes
Plätzchen an der Küste suchen wollen. Aber auf dem Weg zur Küste waren sie dort am Flussufer gelandet, er, vier Freunde,
Nasenka und deren Freundin. Zu siebt verteilten sie sich also auf die zwei Wagen und kamen auf dieser Übungsfahrt von
Seoul bis zum Nakdong. „Sushi, Fischsuppe...“ hatten sie zufällig auf einem Schild gelesen. Sie bogen von der Straße ab und
fuhren ein Stück über einen schmalen Feldweg, bis das Gasthaus auftauchte. Es lag sehr abgelegen, aber sie wollten dort
trotzdem den Tag ausklingen lassen. Um in das Gasthaus hineinzukommen, mussten sie ein Stück durch Morast waten,
wobei ihre Schuhe tief einsackten. Eine Ecke im Hof war voll von widerlich riechendem Unkraut. Ob es Spätherbst gewesen
war? Oder war es schon Winteranfang gewesen, wie jetzt?
Während das Essen vorbereitet wurde, gingen sie zum Fluss. Sie schienen am Ende der Welt zu sein, nirgends war ein
Licht zu sehen. Zurück im Gasthaus, aßen und tranken sie, aber je weiter die Nacht vorrückte, desto mehr verdüsterte sich
ihre von der Reise aufgekratzte Stimmung und begann umzuschlagen. Ein Gefühl, als sollten sie, abgeschnitten von der Welt,
an Ort und Stelle in diesem Sumpf versinken, ergriff jeden von ihnen, kaum dass sie sich im Gasthaus, das eigentlich nur ein
Privathaus war, gesetzt hatten. W., einer ihrer beiden Fahrer, bereute offensichtlich, so weit gefahren zu sein. Einer sagte
mehrmals, dass er in Seoul anrufen müsste, und ein anderer klagte, einen wichtigen Termin mit seinem Geschäftspartner vergessen
zu haben, der für den nächsten Tag ausgemacht gewesen sei. Er habe weder die Telefonnummer noch irgendetwas mitgenommen.
P., der damals vor seiner Heirat mit einer Tochter aus reichem Hause stand und am entschiedensten für diesen
spontanen Ausflug plädiert hatte, reagierte am heftigsten, als jemand vorsichtig die Frage einer Übernachtung ansprach. Er
selbst wurde ohne Grund feindselig gegenüber Nasenka und deren Freundin, die mit leicht verkrampfter Miene die
Veränderung bei den anderen fünf beobachteten.
Vielleicht war es ihre Niedergeschlagenheit, die sie seit zwei, drei Jahren, seit Beginn ihres Berufslebens mit sich herumtrugen
aber sonst mühsam unter Kontrolle hatten, die ausgelöst durch diese Reise über die Feiertage hervorbrach. Oder war
ihre Unruhe das sonderbare Ergebnis der Mischung von Lebensüberdruss, Alkohol und diesem Ausflug? Einer von ihnen war
kurz hinausgegangen und sagte dann, er habe das mit der Übernachtung geklärt, sie sollten ruhig weiter trinken. Seitdem der
Freund in einer Bank arbeitete, war er seltener zu ihren Treffen gekommen. In theatralischem Tonfall ließ er sie wissen, dass
es ihn viel Geld gekostet habe, die zwei Zimmer zu mieten.
Danach ging es dann sehr schnell, keiner hatte das vorhergesehen. Nachdem sie sieben Stunden gefahren waren, hatten
sie sich nichts mehr zu sagen und deshalb zu singen angefangen. Eigentlich war es nur Gegröle, der Reihe nach im Kreis.
Dann verlangten alle von den beiden Frauen, die, ihr Erschrecken über den Stimmungsumschwung verbergend, unauffällig
ihre Schnapsgläser leerten, hartnäckig ein Lied. Das war kein Spaß mehr. Alle wussten, dass Nasenka es hasste, bei solchen
Anlässen zu singen, und auch nicht gut singen konnte. Aber gerade deshalb verlangten sie von ihr beinah drohend ein
Lied. Alle zusammen riefen sie Nasenkas Namen. Ihre Freundin stand auf, machte ein verlegenes Gesicht und setzte sich
wieder. Nasenka stand nicht auf. Ihr Gesicht schien sich verändert zu haben.
Irgendjemand torkelte zu ihr hinüber, um sie zum Singen zu bringen. Man konnte seine zusammengebissenen Zähne
sehen. Gleichzeitig versuchte ein anderer, der Nasenka gegenüber saß, sie am Arm hochzuziehen, und ihre Freundin richtete
sich auf, um seine Hand von Nasenka zu lösen. Auch er selbst war aufgestanden, um Nasenka von hinten hochzuziehen.
Einer schmiss eine Flasche an die Wand. Ein anderer schrie wirres Zeug. Als sie so zerrten, fielen Nasenka und auch
zwei, die sie hinzustellen versucht hatten, zu Boden.
Wie lange mochten ihre Aufdringlichkeiten noch gedauert haben? Keiner hatte versucht, dem Treiben Einhalt zu gebieten.
Ganz im Gegenteil hatten sie alle offensichtlich noch ihren Spaß an diesem Getobe. Um ein Lied von Nasenka ging es
überhaupt nicht mehr. Der Protest ihrer Freundin half auch nichts. Er war zu leise, zu lächerlich und kaum zu hören. Es war
eine eigenartige Wüterei gewesen, als ob eine feste Ordnung das Durcheinander beherrscht hatte, und alle schienen ihre Rolle
gut zu spielen. Rüdes Geschubse, zerschlagene Gläser und Gebrüll. Sie warfen und stießen sich gegenseitig um. Aber bis
dahin war keiner von ihnen wirklich betrunken gewesen. Alle taten nur so, Nasenka wohl auch.
Nasenka und ihre Freundin, die beide irgendwann aufgestanden waren, sahen blass aus, und die hochgesteckten Haare
Nasenkas hatten sich gelöst. Ihre Bluse hing schief an ihr herunter. Jemand zeigte mit dem Finger auf sie und lachte über ihr
Aussehen. Davon wurden in Sekundenschnelle alle angesteckt, und nach kurzem Zögern wurde das Lachen vollkommen
zügellos. Die beiden Frauen, die das Geschehen bis dahin wie eine Strafe hatten erleben müssen, wurden auch angesteckt
und lachten, als könnten sie gar nicht an sich halten, aber so schief, dass sich zwischen Lachen und Weinen nicht unterscheiden
ließ.
Während Nasenka und ihre Freundin wie irrsinnig lachten, griffen sie ihre Taschen und nahmen ihre Mäntel. Sie lachten
noch immer, als sie die Tür öffneten, die unangenehm kalte Nachtluft ins Zimmer drang, und sie schon in die inzwischen
stockdunkel gewordene Nacht hinausgingen. Hinter dem Hof sah man im Dunkel nur schemenhaft einen langen
Damm oder so etwas Ähnliches, und nur eine trübe Glühbirne leuchtete im Hof. Ihre Rücken entfernten sich, lösten sich
im Dunkel auf und waren dann nicht mehr zu erkennen. Nur das Gras am Wegrand reflektierte, vom Wind bewegt, noch
hier und da einen zufälligen Schimmer.
Alle schauten in Richtung des schwarzen Schattens, in dem sie verschwunden waren, aber keiner lief ihnen nach, um sie
von ihrem gefährlichen Weg zurückzuholen. Jeder von ihnen wusste gut, dass sie lange durch das Dunkel würden laufen
müssen, um ein Haus oder eine große Straße zu finden. Aber sie lachten blöde weiter wie aufgezogene Spieluhren, die nicht
aufhören konnten. Jemand schloss die Tür. Alle schwiegen, und weil sie zu sich kamen und begriffen, was geschehen war,
tranken sie weiter bis zum frühen Morgen.
Am nächsten Tag verteilten sie sich wieder auf die beiden Wagen; die Fahrt zurück nach Seoul war bedrückend und leise.
Nasenka war danach nicht mehr zu ihren Treffen gekommen. Wenn sie untereinander Jinja Chang erwähnten, nannten sie
sie seit dieser Nacht Nasenka. Ihr widersprüchliches Verlangen, von ihr zu sprechen und doch über sie zu schweigen, hatten
sie mit diesem Spitznamen gelöst. Auch wenn der Name manchmal in ihrem Geplauder beim Trinken auftauchte,
schwiegen sie beharrlich über den Schatten, der an jenem Tag, als sie sich alle zusammen ans Ufer des Flusses hatten treiben
lassen, ins Dunkel verschwunden war.
Jene Nacht war genauso abgründig gewesen, wie diese jetzt auf seiner Reise, wo es fremd und deswegen noch dunkler
war. Er lehnte sich gegen die Dunkelheit, zog die Knie hoch und drehte sich zur Wand. Jemand lief friedlich pfeifend den
Gang entlang. Unter ihm wurde laut geschnarcht, und die drei Betten waren noch immer leer.
Sobald er in Rom war, würde er in Seoul anrufen. Seine Gefühle seien unverändert. Er habe sie sehr vermisst. Man könne
doch mal zusammen mit dem Kind nach Venedig kommen. So hohle Worte und leere Versprechen! Und dafür sollte er anrufen?
Alles würde wieder ganz einfach sein. So war es bis jetzt immer gewesen. Aber vielleicht würde seine Frau auch sagen
„So einfach geht es diesmal nicht. Lass uns einmal reden. Lass uns nur einmal ehrlich miteinander reden“. Mit einer tiefen
Falte zwischen den Augenbrauen schlief er ein.
Eines Abends wieder in Seoul organisierte er ihr Treffen in einer Kneipe. Wie immer ging es um Geschäfte, Reisen und so
weiter. Auch er erzählte, genauso wie J., P. oder wer auch immer, von seiner Reise nach Italien, den Gondeln in Venedig –
wie konnten die Sehenswürdigkeiten nur so völlig an ihm vorbeigegangen sein – und schwärmte von der exotischen
Schönheit, bis ihm der Mund fusselig wurde. Alle waren betrunken und murmelten ihre immer gleichen Phrasen vor sich
hin, das Leben gehe eben seinen Gang, die Kinder würden größer, mit den Ehefrauen komme man am besten aus, wenn
man den grundlegenden Konflikten aus dem Weg gehe, und in der Zukunft würde das Leben wohl doch ein bisschen weniger
anstrengend und ein bisschen komfortabler als heute sein. Dann gingen sie auseinander, um am nächsten Tag wieder
zur Arbeit zu gehen.
„Kennst du mich denn so schlecht?“ – wie die Stimme eines Gespenstes hatte er manchmal Nasenkas Worte im Ohr. Aber
um auf solche Fragen eine Antwort zu suchen, war sein Leben zu vollgestopft mit ach so bedeutenden Angelegenheiten. Die
Geschäftsbeziehungen mit der italienischen Firma blühten, aber er wollte nicht noch einmal dorthin. Inzwischen war er weiter
gekommen. Auch wenn er mit seiner Position noch nicht zufrieden war, brauchte er doch immerhin solche
Geschäftsreisen nicht mehr selbst zu machen. Er hatte jetzt Wichtigeres zu entscheiden und war damit vollauf beschäftigt.
Er hatte auch keine Zeit, um mit seiner Frau und seiner Tochter, die kurz vor ihrer Einschulung stand, eine Reise nach
Venedig zu unternehmen.
Seit dem Beginn ihrer Geschäftsbeziehungen mit Italien schickte die italienische Handelskammer seiner Firma jedes Jahr
ein Informations-Journal, das für die ausländischen Geschäftspartner auf Englisch herauskam. Einige Jahre später las er darin
ein Interview mit einem großen Foto, das zwei Asiatinnen zeigte. „Stühle mit fernöstlichem Zauber. Ein Gespräch mit einem
Paar koreanischer Designerinnen vor ihrer Rückkehr in ihre Heimat“. Das war der Titel des Artikels und auf dem Foto war
Nasenkas Gesicht zu sehen. Neben ihr lachte strahlend ihre wohl einzige Freundin, an deren Namen er sich nicht erinnern
konnte.
In dem Interview wurde geschildert, wie sie zufällig an einem internationalen Wettbewerb für Innenarchitektur und Design
teilgenommen hatten, und sich dann später zusammen als vielversprechende Designerinnen mit sehr eigenständiger
Originalität selbstständig gemacht hatten. Es wurde auch kurz auf Nasenkas Studienzeit eingegangen, Dinge, die ihnen vollkommen
unbekannt waren, obwohl sie doch damals die ganze Zeit in ihrem Umfeld gelebt hatte. Wann und wie hatte
Nasenka so unbemerkt ihr Leben geführt? Der Tenor des Interviews ließ großen Respekt für die Professionalität dieses
Designerpaares erkennen, das sich ganz auf das Design von Stühlen spezialisiert habe, in deren eigenwilligem Zauber physischer
Komfort und sensorische Ästhetik gleichermaßen vereint seien. Der restliche Teil des Artikels war fachlicher Natur,
zeigte Bilder von Stühlen, die sie entworfen hatten, und berichtete von den Plänen für ein eigenes Geschäft der beiden, das
gleichzeitig in Italien und Korea eröffnet werden sollte. Die beiden Frauen wurden mal als Geschäfts-, mal als
Lebenspartnerinnen bezeichnet.
In Nasenkas Gesicht, das halb zu ihrer lachenden Freundin schaute, hob sich deutlich ihre Nase ab.
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